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Full text of "Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit: Rede, gehalten zur Feier des ..."

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DIE GRENZElsr 
GEISTIGER GESUNDHEIT UND KRANKHEIT. 



REDE, 

GEHALTEN ZUR FEIER DES GEBURTSTAGES 

SR. MAJESTÄT DES KÖNIGS ALBERT VON SACHSEN 

AM 23. APRIL 1896 

VON 

DR. PAUL FLECHSIG, 

O. ö. PROFESSOR DER PSYCHIATRIE. 




LEIPZIG, 

VERLAG VON VEIT & COMP. 

1896. 



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JAN 6 1922 



Druck von Metzger & Wittig in Leipzig. 



Vorwori. 

-JJie vorliegende Rede ist von mir' im Auftrag 
des akademischen Senates, am 23. April 1896, gelegent- 
lich des Festactus gehalten worden, welchen die Uni- 
versität Leipzig, wie alljährlich, am Geburtstag ihres 
erlauchten Rector magnificentissimus Sr. Majestät König 
Albert von Sachsen veranstaltet hat. Sie bildet nach ge- 
wissen Richtungen hin eine Ergänzung meiner Rectorats- 
Rede über „Gehirn und Seele". Da ich letztere soeben 
mit ausführlichen Anmerkungen und fünf Tafeln ver- 
sehen neu herausgegeben habe (Leipzig, Veit & Comp.), 
so unterlasse ich es, den vorliegenden Blättern weitere 
Belege zur wissenschaftlichen Begründung meiner An- 
schauungen beizufügen. Insbesondere findet man in 
der zweiten Auflage meiner Rectorats-Rede, wie 
iöh glaube, genügende Erläuterungen über diejenigen 
Himregionen, welche ich im Folgenden gewissermaassen 
als „Centralorgane des Charakters" einführe; ich habe 
sie dort unter der Bezeichnung „Körperfühlsphäre der 



Grosshimrinde" ausführlich beschriehen. Daselbst habe 
ich auch den Einfluss der von mir unterschiedenen 
„Denkorgane" auf die Eindencentren der sinnlichen 
Triebe und Gefühle andeutungsweise behandelt. Indem 
diese Centren wie ein Stosskissen zwischen die Körper- 
organe und die Organe des Intellekts eingeschaltet 
sind, wird der Charakter ihrer Thätigkeit von zwei 
Seiten her bestimmt, und sie stellen so eine Art Kampf- 
platz dar, wo die niederen Triebe mit den höheren 
Gefühlen und Ideen um die Herrschaft ringen — 
wenigstens bei edler veranlagten Naturen. Diesen Kampf, 
die gegenseitige, theils fördernde, theils hemmende Be- 
einflussung von Körper und Intellekt in allen indivi- 
duellen Variationen zu verfolgen, dürfte eines der 
reizvollsten Probleme für die Hirnforschung sein, um . 
so mehr als demselben auch eine eminent praktische 
Bedeutung zukommt. Indem die Himlehre die Be- 
dingungen untersucht, welche zu einer Veredelung der 



sinnlichen Triebe, sei es unmittelbar durch körperliche 
Einflüsse, sei es durch den Intellekt führen; indem sie 
umgekehrt auch die Voraussetzungen einer Veredelung 
des Intellekts durch verfeinerte sinnliche Triebe ins Auge 
fasst, tritt sie direct in Berührung mit den Grund- 
problemen jeder wissenschaftlichen Pädagogik und den 
Zielen aller wahren Cultur. Sie leistet hier die un- 
entbehrlichen Vorarbeiten zu einer physiologischen 
Sittlichkeitslehre, jenem Desiderat des vorigen Jahr- 
hunderts, welches auch Fbiedeioh AijBEkt Lange in 
seiner Geschichte des Materialismus als höchst beacht- 
lich hingestellt hat. Es handelt sich hier also keines- 
wegs um etwas principiell durchaus Neues — .indess 
dürfte ausschliesslich die besondere Art der Inangriff- 
nahme des Problems für die Erzielung wirklicher Er- 
folge entscheidend sein. 

Auch für meine Einwände gegen Lombeoso's Lehren 
finden sich in der zweiten Auflage meiner Eectorats- 



Eede einige Belege. Indem Lombroso die Befunde 
Rüdingek's an den Gehirnen genialer Menschen nicht 
weiter zu charakterisiren weiss, als mit dem Vermerk, 
dass man „angeborene bedeutende Windungsanoma- 
lien" constatirt habe, indem er hierin einen Beweis er- 
blickt dafür, dass das Genie eine „Degenerationsform" 
darstelle — zeigt er deutlich, dass ihm ein Ver- 
standniss morphologischer Probleme völlig fem liegt. 
Thatsächlich ist im Zeitalter der exacten Natur- 
forschung eine Behandlung wissenschaftlicher Fragen 
in der Art und Weise Lombeoso's in erster Linie 
— Atavismus. 

Leipzig, Ende April 1896. 

Faul Flechsig. 




Hochansehnliche Versammlung ! 

ie wissenschaftliche Heilkunde nnserer Tage 
hat Fortschritte zu verzeichnen dergleichen 
kaum ein anderes Jahrhundert aufweisen 
kann — dies ist wohl die übereinstimmende Ueber- 
zeugung aller urtheilsfähigen Köpfe. 

Nur eine medicinische Disciplin nimmt nach der 
Meinung vieler Laien nicht entsprechend Antheil — 
diejenige, welche ich an unserer Universität zu ver- 
treten die Ehre habe, die Psychiatrie! 

Fast täglich müssen wir hören, dass die Irren - 
heilkunde bei weitem nicht das leiste, was man im 
allgemeinen Interesse von ihr verlangen dürfe. 

Soweit sich die Anklagen gegen einzelne Irren- 
ärzte, einzelne Irrenanstalten richten, haben sie kaum 
ein allgemeines Interesse, selbst wenn sie thatsächlich 
begründet sein sollten. — Peccatur intra mvros et extra I 

Weitaus folgenschwerer erscheint der Vorwurf, dass 
die Psychiatrie in ihrem gegenwärtigen Zustand ganz 



8 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 



im allgemeinen bei Beurtheilung krankhafter oder 
zweifelhafter Geisteszustände von falschen Prin- 
cipien, von unrichtigen Voraussetzungen ausgehe, und 
dass die Irrenärzte in Folge dessen die öffentliche 
Sicherheit, die Freiheit harmloser Staatsbürger geradezu 
gefährden. Die Vertreter dieser tendenziösen, in Ro- 
manen ja schon längst speculativ ausgebeuteten Be- 
schuldigung, stützen sich zwar keineswegs auf irgend 
eine einwurfsfreie Thatsache — es ist in Wirklichkeit 
in Deutschland bisher auch nicht ein Fall nach- 
gewiesen, wo ein wirklich Geistesgesunder unter nich- 
tigen Vorwänden für geisteskrank erklärt worden wäre. 
Trotzdem empfiehlt es sich nicht, weiter mit Still- 
schweigen jenem Treiben zu begegnen. Denn der Laie 
ist nicht in der Lage, sich aus eigenem Wissen ein 
objektives Urtheil über die einschlagenden Verhältnisse 
zu bilden; und es besteht so die Gefahr, dass die 
Bevölkerung das nothwendige Vertrauen zu den un- 
entbehrlichen Irrenanstalten verliert, dass die Richter den 
Gutachten psychiatrischer Sachverständiger unberechtigte 
Zweifel entgegenbringen. Indem so wichtige öffent- 
liche Interessen auf dem Spiele stehen, gestatte 
ich mir, in dieser festlichen Stunde Ihre Aufinerksamkeit 
zu erbitten für die Betrachtung einiger Grenzgebiete 
des Irreseins, insbesondere mit Rücksicht auf die Mit- 
tel, welche der wissenschaftlichen Psychiatrie 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 9 

zu Gebote stehen, um auf geistigem Gebiet Ge- 
sundheit und Krankheit zu unterscheiden. 

Ich hoffe, Sie hierbei überzeugen zu können, dass 
die Psychiatrie doch besser ist als ihr Euf, und dass 
auch sie an dem allgemeinen Aufschwung der Medicin 
theilnimmt, freilich entsprechend ihrem besonderen 
Objekt, dem an Complicirtheit und Inhalt alles Le- 
bendige weit übertreffenden menschlichen Seelenorgan 
in etwas langsamerem Tempo als diejenigen medici- 
nischen DiscipHnen, welche im Kampfe gegen die 
pathogenen Mikroorganismen, die einfachsten Lebe- 
wesen, ihre hauptsächlichsten Triumphe feiern. Die 
Psychiatrie ist thatsächlich gerade jetzt in einer mäch- 
tigen Umwälzung begriffen , * nicht sowohl weil die 
Seelenlehre im allgemeinen wichtige Fortschritte zu 
verzeichnen hätte, sondern weil die Hirnlehre, ins- 
besondere die Lehre vom Hirnbau auf dem Punkt an- 
gelangt ist, für die Auffassung der Seelenerscheinungen 
in wichtigen Beziehungen maassgebend zu werden. 

Untersucht man, worauf sich die befremdliche 
Zuversicht des Laienthums gegenüber den psychia- 
trischen Fachmännern stützt, so stösst man auf jenes 
Etwas, welches schon so vieler grosser Denker 
Zorn in hohem Masse herausgefordert hat, die Berufung 
auf den gemeinen Menschenverstand. 

Der Laie glaubt zweifelhafte Geisteszustände beur- 



10 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 

theilen zu können, weil er kraft seines gesunden Menschen- 
verstandes den gesunden Geist zu kennen glaubt. 

Der Laie steht hiermit von vornherein auf einem 
Standpunkt, welcher dem des Arztes diametral ent- 
gegengesetzt ist. Denn dieser ist überzeugt, zweifel- 
hafte Geisteszustände beurteilen zu können, weil er die 
Erscheinungen der geistigen Krankheit genau kennt, 
weil er Erfahrungen besitzt über alle die Abweichungen 
von der geistigen Norm, welche in natura vorkommen. 

Verfolgen wir die historische Entwickelung der 
Lehre von den krankhaften Geisteszuständen, so unter- 
liegt es keinem Zweifel, dass auch die Wissenschaft 
sich von der Betrachtung der ausgeprägten Geistes- 
krankheiten her den Grenzen des Irreseins, dem Stu- 
dium der Grenzbewohner genähert hat. 

Was kann uns nun hier der. sogenannte gesunde 
Menschenverstand nützen; hat er überhaupt etwas mit 
dem Problem zu thun? Ich bin weit entfernt dies 
vollständig zu leugnen — aber seine Geltung ist 
eine durchaus beschränkte. Die Psychologie der Laien 
basirt in erster Linie auf der Selbstbeobachtung — 
und diese ist ja thatsächlich auch für den Arzt der 
Hauptmaassstab für die Beurtheilung der Seelenvor- 
gänge Anderer. Was man unter Bewusstsein, Willen, 
Ueberlegung, Besonnenheit u. dergl. m. zu verstehen 
habe, das lernt Jedermann im wesentlichen aus der 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 11 

Beobachtung an sich selbst. Diese Art Psychologie 
ist uns allen gemeinsam. Nächstdem treibt der 
Laie das, was man am besten als Individualpsycho- 
logie bezeichnen könnte. Er macht sich ein mehr 
oder weniger genaues Bild von einzelnen Indivi- 
dualitäten, ihrem Wissen, ihrer Auffassungsgabe, 
ihren Handlungsmotiven, ihrer Gemtithsart. 

Es erscheint mir in hohem Grade bezeichnend, dass 
der Denker, welchem wir den Begriff der inductiven 
Forschung verdanken, Lord Bacon von Vekulam, 
gerade diese Art psychologischer Forschung für die Vor- 
aussetzung alles psychiatrischen Urtheils und Handelns 
erklärt. Bacon hält aber freilich nur eine Individual- 
psychologie für brauchbar, welche auf einer wissen- 
schaftlich genauen Analyse von Seele und 
Charakter und den verborgenen individuellen Anlagen 
der einzelnen Menschen beruht. 

Aber trotzdem seit Bacon fast drei Jahrhunderte 
vergangen sind und Millionen sich auf Grund ihres 
gesunden Menschenverstandes mit Studien auf dem 
Gebiet der Individualpsychologie beschäftigt haben, 
fehlt uns vollkommen ein Werk, welches sich die Auf- 
gabe stellte, das Facit dieser Beobachtungen für den 
mittleren normalen Menschen vorurtheilslos zu 
ziehen und uns zahlenmässig zu zeigen, in welchen 
Formen Intellect und Charakter des „Normalmenschen" 



12 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 



variiren. Wissen wir vielleicht, wie viel Procent 
der Bevölkerung redlich sind, wahrhaft redlich? Die 
Moralstatistik sagt uns nichts hierüber — denn die 
Zahl der Redlichen deckt sich nicht mit der Zahl der 
Unbestraften. Und so sind wir schon auf diesem so 
wichtigen Gebiet auf die oberflächlichsten Schätzungen 
angewiesen. Hat nun Shakespeaee Recht wenn er sagt: 
„Ein Ehrlicher ist ein Auserwählter unter Zehntausen- 
den !^' oder Goethe, wenn er sagt: „Unter Tausenden 
einen Redlichen gefunden zu haben, das ist Etwas, 
das ist anzunehmen"? In der That, wir wissen nichts 
Sicheres, und je nach dem Gefühlsstandpunkt des Be- 
obachters schwankt das Urtheil zwischen weit entfernten 
Extremen hin und her. Verbindet der Beobachter mit 
Klarheit des Blicks innere Kälte des Gemüthes, so ver- 
mag er — wie Goethe meint — Niemand zu achten, 
besitzt er ein warmes Gemüth, so verlegt er es in die 
Anderen hinein, auch wo es nicht am Platze ist. Eine 
streng-objective Individualpsychologie existirt für den 
gesunden mittleren Menschen nicht! Was aber die 
Grenzgebiete anlangt, so bietet sich nur ganz 
wenigen Laien die Gelegenheit, Grenzbewohner in 
grösserer Anzahl gründlich kennen zu lernen. 
Auch der fruchtbarste Romanschriftsteller übersieht nur 
einen kleinen Theil der grossen Reihe — und daher die 
vielen einseitigen Schilderungen, das voreilige Ab- 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 13 



leiten von angeblichen Gesetzen des menschlichen 
Handelns aus gänzlich ungenügendem Beobachtungs- 
Material. 

Bietet uns nun für diesen Mangel einer umfassen- 
den Individualpsychologie nicht vielleicht die wissen- 
schaftliche, die allgemeine Psychologie mit ihren 
schärferen Begriffen Ersatz? Können wir uns nicht 
vielleicht bei den Philosophen Raths erholen, wenn sie 
auch Laien sind im ärztlichen Sinne? Bekanntlich hat 
der grösste der kritischen Philosophen, dessen Ansehen 
noch heute im Wachsen begriffen ist, Kant, mit Ent- 
schiedenheit gefordert, dass die Beurtheilung von 
Verbrechern mit Rücksicht darauf, ob sie ihre That 
im Zustand geistiger Umnachtung ausgeführt, aus- 
schliesslich dem Psychologen, dem Philosophen zustehe! 
„In diesem Fall, sagt Kant wörtlich, kann das Gericht 
den Angeklagten nicht an die medicinische, sondern 
müsste (der Incompetenz des Gerichtshofes halber) ihn 
an die philosophische Facultät verweisen. Denn 
die Frage: ob der Angeklagte bei seiner That im Be- 
sitz seines natürlichen Verstandes- und Beurtheilungs- 
vermögens gewesen sei, ist gänzlich psychologisch, 
und obgleich körperliche Verschrobenheit der 
Seelenorgane vielleicht wohl bisweilen die Ur- 
sache einer unnatürlichen üebertretung des (jedem 
Menschen beiwohnenden) Pflichtgesetzes sein möchte, 



14 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 

SO sind die Aerzte und Physiologen überhaupt doch 
nichtso weit, um das Maschinenwesen im Menschen 
so tief einzusehen, dass sie die Anwandlung zu einer 
solchen Gräuelthat daraus erklären, oder (ohne Ana- 
tomie des Körpers) sie vorhersehen könnten; und eine 
gerichtliche Arzneikunde (medicina forensis) ist, — wenn 
es auf die Frage ankommt: ob der Gemüthszustand 
des Thäters Verrückung, oder mit gesundem Verstände 
genommene Entschliessung gewesen sei? — Einmischung 
in fremdes Geschäft, wovon der Richter nichts versteht, 
wenigstens es, als zu seinem Forum nicht gehörend, 
an eine andere Facultät verweisen muss." 

Soweit Kant! Ich bezweifle nicht, dass der grosse 
Denker für seine Zeit und in Ansehung seiner Person 
das Richtige in der Hauptsache getroffen hat. Das 
Maschinenwesen, insbesondere das des menschlichen Ge- 
hirns, war thatsächlich damals wenig bekannt, und Kant 
übertraf, vermöge seines intensiven Scharfblickes, selbst 
einen gewiegten Hirnanatomen wie Sömmebino an Klar- 
heit der Anschauungen über die von physischer Seite 
an ein Seelenorgan zu stellenden Anforderungen, wie 
seine köstliche Kritik der SöMMERiNö'schen Lehre vom 
Sitz der Seele im Hirnwasser deutlich zeigt. Trotzdem 
hat sich meines Wissens keine Staatsregierung gefunden, 
welche zur Information der Richter gerichtliche Philo- 
sophen angestellt hätte -r- und die Staatslenker haben 



Die Grenzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 15 

hieran wohl unzweifelhaft Recht gethan. Denn was 
von einem Kant bedingungsweise gilt, gilt darum noch 
lange nicht von allen, welche sich Philosophen nennen. 

Ja, es gilt selbst nicht für Philosophen, deren 
Denkkraft und deren genialen Scharfsinn kein wirk- 
licher Kenner bezweifelt, wie z. B. Schopenhaueb. 
Auch Schopenhaueb hat sich für die Probleme der 
Psychiatrie auf das lebhafteste interessirt, und in 
seinem Hauptwerk; „Die Welt als Wille und Vor- 
stellung**' sind mehrere Paragraphen in der Hauptsache 
diesem Thema gewidmet. Es ist schon in hohem 
Grade bezeichnend, dass dieser Rhapsode des Wil- 
lens die Ursachen der Geistesstörungen hauptsächlich, 
ja fast ausschliesslich auf dem Gebiet des Intellekts 
sucht — und zwar in einem ganz bestimmten 
Punkte, nämlich darin, dass (im Wahnsinn wenigstens) 
der Faden der persönlichen Erinnerung an einer Stelle 
reisse, und dass nun mittelst allerhand phantastischer 
Combinationen die entstandene Lücke ausgefüllt werde. 

Schopenhauee's Beweisführung ist aber noch 
besonders eigenartig. Obschon er zweifellos sich be- 
müht hat, aus eigener Wahrnehmung sich über 
das Bild des Wahnsinns zu unterrichten, so stützt er 
sich doch in fast noch höherem Maasse auf ein ganz 
andersartiges Material. Die Gestalten der genialen 
Dramatiker sind es, welche er im Auge hat, der Tor- 



16 ^16 Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 

quato Tasso Goethe's, der rasende Ajax des So- 
phokles, König Lear und Ophelia bei Shakespeaee. 
Diese Gestalten des echten Genius, sagt Schopen- 
HAUEE, sind wirklichen Personen an Wahrheit gleich- 
zusetzen und geben das Wesentliche des Wahnsinns 
für Jedermann deutlich erkennbar wieder. 

Hier aber irrt er ohne Zweifel! Die Gestalten des 
Wahnsinns, bei Shakespeaee besonders, enthalten ja durch- 
aus naturwahre Umrisse, durchaus richtige Grund- 
linien; aber ihr Körper besteht aus reinster Poesie. 
Der poetische Gehalt tiberragt weitaus den Gehalt an 
Naturwahrheit! Nur ein Geist wie Shakespeaee kann 
deliriren wie Ophelia; dem gewöhnlichen Menschen- 
geist kommt solch' zarter Duft nicht zu! 

Zudem nehmen die Dichter ein durchaus ein- 
seitiges Interesse am Wahnsinn, indem sie ihn immer 
aus ausgeheueren inneren Conflicten, aus einem un- 
geheuren Seelenschmerz hervorgehen lassen, — und 
ScHOPENHAUEE gelangt so auf Grund seines eigenartigen 
Materials zu dem geradezu mystischen Schluss, dass 
im Wahnsinn die Natur zum letzten Rettungsmittel greife, 
um die durch ein ungeheueres inneres Leiden bedrohte 
Individualität über die Krisis hinüber zu geleiten. 

Um wie viel einfacher, klarer und naturgemässer 
denkt hier Shakespeaee, wenn er König Lear sagen 
lässt: „Wir sind nicht wir, wenn die Natur im 



Die Grenzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 17 

Drück die Seele zwingt zu leiden mit dem 
Körper'^ Hier ist Shakespeake's Psychologie ganz 
und gar die unsere. Der Körper ist es in erster 
Linie, der den Geist krank macht, und das kranke 
Gehirn hat seine eigenen Gesetze. Hier herrscht nicht 
die Logik des gemeinen Menschenverstandes, 
nicht die Logik der Metaphysiken Die Besonder- 
heiten der kranken Seele erklärt uns auch nicht die 
Psychophysik in ihrer heutigen Form, wir brauchen 
weit mehr — und soweit wir dieses Mehr nicht auf 
dem Wege der methodischen, langsam vorwärts 
schreitenden Forschung erreichen können, müssen wir 
versuchen, ob uns nicht der glückliche Gedanke 
vorwärts hilft, dessen wir auf einem so überaus ver- 
wickelten Gebiet, wie die Psychiatrie, niemals entbehren 
können; die freie Combination der Erfahrungen auf 
den verschiedensten Wissensgebieten: der Anatomie, 
der Biologie, Patiiologie und Psychologie kommt hier 
in Betracht. Zum umfassenden Studium alles geistigen 
Geschehens, ganz gleichgültig, ob es in's Bereich des 
formalen oder Pathologischen fällt, muss sich gesellen 
das Streben, jede geistige Erscheinung zurückzuführen 
auf Eigenthümlichkeiten, auf Faktoren der körper- 
lichen Organisation, auf körperliche Vorgänge! 
Hierzu bedarf es auf der einen Seite einer natur- 
gemässen Zergliederung der Seele, welche wirklich 



18 Die Grenzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 

die Darstellung der letzten seelischen Elemente 
gewährleistet, und der Anknüpfung dieser Elemente an 
ihre materiellen Träger, insbesondere das Gehirn. 

Wenn man dieses Verlangen als verfrüht, als 
übereilt hinstellen möchte, so entgegne ich, dass wir 
unserem Ziel bereits viel näher sind, als die Schul- 
weisheit es sich träumen lässt. Die Lehre vom Hirn- 
bau, die unentbehrliche Voraussetzung jeder wirkhch 
wissenschaftlichen Seelenlehre, hat in den letzten Jahren 
so grosse Fortschritte gemacht, dass wir uns mit 
Eiesenschritten dem Ziel nahem, den Ansatz zur 
Berechnung der menschlichen Seele zu finden. 
Die Analyse des kranken Menschengeistes ist that- 
sächlich in erster Linie ein physisches Problem — 
nur darf man nicht wähnen, wie Herbaet, die Prin- 
cipien für eine Statik und Dynamik der psychischen 
Kräfte auf dem Wege der Speculation finden zu 
können — sondern jeder Schritt muss durch die Er- 
fahrung, insbesondere die Himlehre, controlirt werden. 
Die Psychiatrie ist die Lehre von den Variationen des 
Seelenlebens unter veränderlichen körperlichen Be- 
dingungen. Deshalb muss sie in erster Linie sich an- 
klammem an die Hirnforschung; jede Art Metaphysik 
wirkt hier, einem Narkotikum gleich, verwirrend auf 
die Klarheit unserer Anschauungen. 

Was hat hier nun der gemeine Menschenverstand zu 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 19 

suchen? Abgesehen etwa von gelegentlichen Erfahrungen 
über Fieberdelirien erlangt der Laie fast nur aus den 
Erscheinungen der Alkohol-Intoxication eine Vor- 
stellung von der Macht körperlicherFaktoren über das 
Seelenleben. So wenig erfreulich diese Thatsachen sind, 
so sind sie doch leider so wichtig, da§s ich mir ge- 
statten möchte, hier kurz auf dieselben einzugehen. 

Die Trunkenheit ist durchaus nicht eine so ein- 
fache Erscheinung, dass der gemeine Menschenverstand 
sich von ihr eine erschöpfende und richtige Vorstellung 
zu machen im Stande wäre. Wie kommt es, dass der 
Eine absolut gefeit ist gegen die Wirkungen des Al- 
kohols (allerdings eine seltene Abnormität), während 
der Andere durch jeden Alkoholexcess in einen Zu- 
stand förmlicher Tobsucht geräth, während der Dritte 
nur eine leichte Anregung der Phantasie und dann 
Neigung zum Schlaf zeigt? 

Gehen wir diesen einfachen Thatsachen nach, so 
stossen wir alsbald auf einen wichtigen Factor, den 
Einfluss der ererbten Constitution, der Heredi- 
tät. Die Abkömmlinge gesunder kräftiger Eltern 
können sich ungestraft einem Excess überlassen, ohne 
dass sonderlich auffällige Erscheinungen sich bei ihnen 
zeigen; die Glieder von. Familien, in welchen Geistes- 
und Nervenkrankheiten erblich auftreten, verfallen ge- 
legentlich auch durch einen leichten Excess in Zu- 



20 1^16 Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 



stände, welche nach allen Richtungen hin Geistes- 
störungen gleichen. Wfis bedeutet denn nun hier der 
erbliche Factor? Nur die exacte Empirie der 
Psychiatrie kann hier eine Antwort geben. In den 
Augen der Wissenden bedeuten gewisse, keines- 
wegs alle, Formen der erblichen Belastung 
überhaupt schon eine Geistesstörung — wenn 
auch nicht actuell, so doch potentiell! Die reine 
Erfahrung lehrt dies unabhängig von jeder Theorie — 
und giebt für die Beurtheilung der Willensfreiheit der- 
artiger Individuen Gesichtspunkte an die Hand, welche 
der gemeine Menschenverstand ebenso wenig spielend 
zu fassen vermag, wie er die Probleme der höheren 
Mathematik spielend zu bewältigen im Stande ist. 

In anderen Fällen besonderer, eigenartiger Reac- 
tion auf den Alkohol beobachten wir selbst beim 
Fehlen erblicher Belastung gewisse Deformitäten 
am Körper, mangelhafte Bildung einzelner Theile, wie 
des Schädels, der Ohren u. a. m. — Das häufige Zu- 
sammentreffen solcher „Degenerationszeichen" mit 
geistigen Abnormitäten lehrt uns einen inneren Zu- 
sammenhang zwischen beiden zunächst rein em- 
pirisch vermuthen — und weitere Erwägungen führen 
schliesslich zu der Erkenntniss, dass irgend welche 
störenden Einflüsse das in der Entwickelung 
begriffene Individuum getroffen, die Entwicke- 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 21 



lung einzelner Organe in falsche Bahnen gelenkt hahen 
— es handelt sich hier um stets angeborene, aber nicht 
immer ererbte Eigenthümlichkeiten, deren Bedeutung 
im Einzelnen zweifellos noch vielfach dunkel ist. 

Bei weiteren Individuen trifft eine abnorme Reac- 
tionsweise zusammen mit den Symptomen von Nerven- 
krankheiten, wie Epilepsie, Hysterie u. a. m.; in noch 
anderen zeigt ein vorher Normaler abnorme Keactions- 
formen, seitdem er eine Hirnerschütterung erlitt, 
mit welcher sich sein Charakter dauernd änderte, seit- 
dem er einen Typhus durchgemacht, nachdem er 
längere Zeit gewohnheitsmässig Alkohol, Morphium 
oder andere Narkotika genommen hat. 

So lange man diese Thatsachen nicht würdigte, 
stand man gewissen geistigen Erscheinungen völlig 
ratlos gegenüber und suchte durch allerhand ge- 
künstelte psychologische Hypothesen den Mangel an 
sicherem Wissen zu ersetzen. So entstand z. B. die 
Lehre von der Mania transitoria. Indem man be- 
obachtete, dass gewisse Individuen, die anscheinend 
völlig gesund sind, plötzlich stundenweise heftig und 
sinnlos toben und wüthen, um darnach nie wieder in 
ihrem Leben psychisch zu erkranken, discutirte man 
alles Ernstes die Frage, ob bei einem gesunden Men- 
schen eine solche Störung plötzlich wie aus . heiterem 
Himmel entstehen könne. Beobachtungen in meiner 



22 Die Grrenzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 



AMMMV^^M^Vl^l^M^^^A^MAMAAAAAAAAAAAM 



Klinik haben ergeben, dass diese Form gelegentlich 
auch entsteht bei nicht-nervenkranken Personen, welche 
nach dem Genuss von relativ selbst geringen Mengen 
Alkohol einen heftigen Stoss gegen den Kopf erleiden 
oder sich einer intensiven Erhitzung aussetzen — es 
lässt sich hier, wie ohne weiteres ersichtlich, nur eine 
physikalisch-chemische Erklärung des Vorganges geben, 
der gemeine Menschenverstand steht sprachlos den 
Thatsachen gegenüber, für welche auch die subtilste 
Psychologie ohne Kenntniss der Ursachen keine Er- 
klärung zu geben wüsste. 

So lassen sich zahllose Einzelerscheinungen auf 
dem Gebiet des kranken Seelenlebens durch eine 
exacte Empirie als Wirkungen abnormer Himzustände 
erklären, direct ohne weite Umschweife; und die Gesichts- 
punkte, welche wir hier gewinnen, lassen sich bei allen 
zweifelhaften Seelenzuständen in Anwendung bringen. 

Gestatten Sie mir nun, hochgeehrte Anwesende, zum 
Beleg hierfür noch auf einige andere wirkliche oder 
angebliche Grenzgebiete des Irreseins etwas 
näher einzugehen. 

Unter den vermeintlichen Opfern der Irrenärzte, 
welche in den letzten Jahren die öflfentliche Meinung 
lebhaft erregt haben, nimmt eine Gruppe von Persön- 
lichkeiten einen hervorragenden Platz ein, welche sich 
dadurch auszeichnen, dass sie in einem ununter- 




Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 23 



brochenen Kriegszustand mit den Gerichten und Be- 
hörden leben, sich principiell in der Auslegung der 
Gesetze über den Gesetzgeber stellen und den natur- 
gemässen Misserfolg dieser Bestrebungen lediglich der 
Unwissenheit, dem pflichtwidrigen Verhalten oder sogar 
verbrecherischen Absichten der Kichter zuschreiben. 
Diese Individuen, auf deren geistiges Gleichgewicht 
die staatliche Ordnung, die geltenden rechtlichen Ver- 
hältnisse vielfach geradezu wie ein Gift wirken, werden 
gemeinhin als Quärulanten bezeichnet. Ich wage es 
nicht, hier näher auf den Begriff des Quärulanten- 
wahnsinns einzugehen, da ich kaum ein allgemeineres 
Interesse für denselben voraussetzen darf. Ich gestatte 
mir aber in Anbetracht der eminent praktischen Be- 
deutung der Frage auch in politischer Hinsicht einige 
kurze Bemerkungen zu machen. 

Wenn schon mir kein Fall bekannt ist, wo ein 
geistig Gesunder als an Quärulantenwahn leidend ent- 
mündigt worden wäre, so nehmen doch meines Er- 
achtens selbst Irrenärzte diesen Zuständen gegenüber 
eine Stellung ein, welche ich nicht als eine wissen- 
schaftlich haltbare bezeichnen kann. Die Aerzte ver- 
fallen vielfach in den Fehler des Schematisirens, der 
unrichtigen Verallgemeinerung einzelner Beobachtungen. 

Die sogenannten Quärulanten leiden keineswegs 
ausnahmslos an Wahnsinn; sie werden nicht sämmt- 



24 I^ie Grrenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 

lieh durch wahnhafte Ideen in ihrem Thun geleitet! 
Auch abgesehen von jenen Individuen, welchen zum 
wenigsten theilweise wirklich Unrecht geschehen 
ist, gehört nur ein Theil der Quärulanten zu den mit 
fixen Wahnvorstellungen behafteten, zu den chro- 
nisch verrückten Geisteskranken im Sinne der wissen- 
schaftlichen Psychiatrie. Diese Individuen zeigen ja 
in der That allerhand Sinnestäuschungen und phan- 
tastisch ausgemalte Verfolgungsideen und schwelgen in 
ihrer Rolle als Erlöser der vom Gesetz bedrückten 
und vergewaltigten Volksgenossen. Aber diese äusserst 
leicht zu beurtheilenden Verrückten oder Wahnsinnigen 
bilden eben nur einen Theil der Quärulanten! 
Ein weiterer Theil zeigt in erster Linie nicht intel- 
lektuelle Anomalien, sondern Charakterfehler, 
welche im einzelnen wiederum mannichfaltig variiren. 
Eine hierher gehörige Gruppe steht der ausgeprägten 
moral insanity, dem moralischen Irrsinn sehr nahe; es 
sind sittlich defekte Individuen mit perverser ver- 
schrobener Fühlweise, welche mit Rücksichtslosigkeit 
ihre selbstsüchtigen Pläne verfolgen, zum Theil er- 
muthigt durch eine gewisse Urtheilssch wache, wie sie 
der Mangel an gesundem Fühlen nothwendigerweise 
mit sich bringt Eine weitere Varietät aber zeigt an sich 
nur massige Abnormitäten, welche nur durch ihre 
besondere Gruppirung zu einem Handeln führen, 



Die G-renzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 25 

welches dem von Geisteskranken gleicht Wenn ein 
Mensch, der seine Urtheilsfähigkeit weit überschätzt, 
mit lebhaftem Selbstgefühl begabt, hartnäckig und reizbar 
ist, vor den Gerichten nicht zu seinem vermeintlichen 
Eecht kommt, so gelangt er leicht zu der Ueberzeugung, 
dass die Richter beschränkt oder schlecht sind. Beim 
Handeln dieser Individuen spielen aber keineswegs 
in erster Linie unlogische Schlussfolgerungen die 
Hauptrolle, sondern das Treibende sind lebhafte Ge- 
fühle, stehende, das Denken in gewisse engbe- 
grenzte Bahnen zwingende Affekte, welche 
zwischen einer zornigen, trotzigen Exaltation und einer 
erregten melancholieähnlichen Depression in vielfachen 
Nuancen hin- und herschwanken. Die Entstehungs- 
weise dieser krankhaften Gefühle und Stim- 
mungen, die Ursachen ihres zähen Haftens, ihres 
Nichtvergehens, sind in erster Linie vom Arzt festzu- 
stellen, wenn er den Gesammtzustand richtig beurtheilen 
soll. Dies gelingt aber niemals auf psychologi- 
schem Wege; sondern der Einfluss körperlicher Mo- 
mente, der erblichen Anlage, erlittener Verletzungen 
überstandener Krankheilen ist hier vor Allem in Be- 
tracht zu ziehen — es ist also die biologisch-patho- 
logische Forschungsmethode anzuwenden — und diese 
führt fast stets zum befriedigenden ZieL Unerfahrene 
Aerzte hingegen, beeinflusst durch den Gesammt- 



26 ^16 Grenzen geistiger G^undheit und £[rankheit 



eindruck der Quärulanten, suchen häufig in erster Linie 
nach geistigen Symptomen, welche an sich Geistesstörung 
beweisen; sie begnügen sich nicht mit dem durchaus ge- 
nügenden Nachweis der angeborenen oder erworbenen Be- 
lastung und zahlreicher kleinerer in Summa potentiell 
einer Geisteskrankheit durchaus gleichwerthiger Ab- 
weichungen. Eine „fixe Idee" erscheint ihnen beweis- 
kräftiger; sie übersehen aber hierbei, dass ein solch be- 
quemer Ausweg keineswegs immer der richtige ist. — 

Zu alledem kommt aber ein unleugbarer Mangel 
der Gesetzgebung, die ungenügende Definition dessen, 
was man unter Willensfreiheit und Freiheit des Ver- 
nunftgebrauches zu verstehen habe. Da die wissen- 
schaftliche Psychologie diese Begriffe ausgemerzt hat, 
da jeder Philosoph sie anders definirt — so wird die 
Entscheidung schliesslich dem gesunden, dem ge- 
meinen Menschenverstand anheimgegeben — und 
so kömmt dieses fragwürdige Orakel gerade an 
dem Punkt der Gesetzgebung zur Geltung, wo man 
streng wissenschaftlicher Definitionen am wenigsten 
entrathen kann, bei Beurtheilung der rechtlichen Folgen 
krankhafter Gefühls zustände. 

Dies gilt in fast höherem Maasse für eine weitere 
zum Theil verwandte Gruppe von Individuen, über 
deren Geisteszustand vielfach Meinungsverschiedenheiten 
zwischen Aerzten und Laien, insbesondere den Juristen 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 21 



MWWWMMIMMMMk 



bestehen, für gewisse Gewohnheitsverbrecher, 
Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier auf alle 
tue zahlreichen Einzelfragen einzugehen, welche die 
anthropologische Betrachtung des Verbrecherthums 
überhaupt zu Tage gefördert hat — nur darauf möchte 
ich mir gestatten, Ihre Aufmerksamkeit zu lenken, ob 
und inwiefern aus den körperlichen Befunden ins- 
besondere am Grehirn von Verbrechern ßückschltisse 
auf ihren Geisteszustand gemacht werden können. 

Dass zahlreiche Beziehungen zwischen Seelen- 
störungen und Verbrechen bestehen, wusste man be- 
reits seit geraumer Zeit. Schon der englische Irren- 
arzt Peichahd hat vor mehr als 60 Jahren an die 
Eichter die Mahnung gerichtet, bei Menschen, welche 
ein ganzes Leben von Schlechtigkeit und ethischer Ent- 
artung zeigen, stets das Vorhandensein einer geistigen 
Abnormität in Betracht zu ziehen. Pbichatit) ist es, 
welcher den Begriff der moral insanity in die Psychiatrie 
eingeführt hat. Es giebt, sagt er. Kranke, bei welchen 
ohne wesentliche Störungen des Intellekts in Form 
von Geistesschwäche oder Wahnideen oder Sinnes- 
täuschungen, „eine krankhafte Verkehrung der Gefühle, 
Affekte, Neigungen, des Temperaments, der Gewohn- 
heiten und natürlichen Triebe sich zeigt" — wo also 
jene ganze Sphäre, welche wir Charakter nennen, 
pathologisch verändert ist. Pbichabd hielt diese Fälle 



28 I^ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit 



MWAMMIMMAWMMWWWMAMIMMAMIMWMMMWMtMMWMMAAMMAA^ 



krankhafter Gemüthsart (nicht nur ethischer Verderbt- 
heit) nicht eben für häufig; es kam ihm durchaus nicht 
in den Sinn, etwa den Gewohnheitsverbrecher schlecht- 
hin darunter zu subsumiren — und die Psychiatrie, 
welche sich in den Bahnen wissenschaftlich strengen 
Denkens bewegte, hat sich ihm bis auf heute an- 
geschlossen. Sie hat die Lehre von den krankhaft;en 
Gemütszuständen weiter ausgebildet, sie hat speciell die 
Anomalien des sittlichen Fühlens schärfer ins Auge 
gefasst und ist insbesondere unter dem Einfluss des 
französischen Psychiaters Möbel dazu gelangt, hier zu 
unterscheiden zwischen dem einfachen Mangel der sitt- 
lichen Gefühle, dem moralischen Stumpf- oder Blöd- 
sinn, der moralischen Idiotie, wenn angeboren — und 
dem Gefiihlswahnsinn, dem Delirium der Gefühle und 
Handlungen, der ümkehrung, der Perversion insbesondere 
des sittlichen Empfindens. 

Dem auf dem Gebiet der Criminal-Anthropologie 
gegenwärtig so viel genannten Psychiater Lombboso 
war es vorbehalten, die durchaus nüchterne psychia- 
trische Lehre von der moral insanity in unheil- 
vollster Weise zu verwirren — indem derselbe einer- 
seits behauptete, dass alle echten Verbrecher als 
moralisch Irrsinnige im Sinne der Psychiatrie anzusehen 
seien, andererseits dass diese moralisch Irrsinnigen 
nicht wirklich einen pathologischen Zustand verkörpern, 



Die Grenzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 29 



AAAAMAAMMMWAMMAAMMMAMMMAAMMMMMMM 



sondern vielmehr eine besondere Varietät, eine besondere 
Spielart des homo sapiens darstellen. Diesen Typus 
bezeichnet Lombeoso als den des geborenen Verbrechers, 
des Belinqnente nato — und fasst ihn auf als einen 
Rückfall auf niedere Entwickelungsstufen, als Atavismus. 
Die Gründe, auf welche Lombeoso sich hierbei 
stützt, sind theils gegeben in gewissen geistigen Eigen- 
schaften vieler Gewohnheitsverbrecher, in welchen er 
Aehnlichkeiten mit dem Geisteszustände wilder Völker- 
schaften findet, theils in körperlichen Eigenthümlich- 
keiten, welche angeblich so charakteristisch sind, dass 
LoMBEOso darin geradezu eine Art Rassentypus er- 
blickt: Besonderheiten in der Bildung des Schädels, des 
Gesichts, z. B. ungeheure Entwickelung der Kauwerkzeuge, 
der Ohren, sogenannte Henkelohren, der Behaarung 
u. s. w. sollen diesen ^^Tipo criminale^^ auszeichnen. 

Die strenge Wissenschaft hat sich Lombeoso nicht an- 
geschlossen; er und seine Anhänger stehen ausserhalb 
derselben. Die Gewohnheitsverbrecher repräsentiren 
selbst nicht zu einem Viertel einen ganz besonderen 
Typus, weder geistig, noch körperlich. Aber es giebt 
unter ihnen zweifellos eine procentisch vorläufig nicht 
genau bestimmbare Anzahl, welche Abweichungen des 
Himbaues zeigen. Ich meine hier nicht jene, bei Ver- 
brechern häufig vorhandenen krankhaften Veränderungen 
am Schädel und den Gehirnhäuten, in Folge von aller- 



30 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 



band Entzündungen, Infectionskrankheiten, Alkoholismus, 
Schädelverletzungen, welche die Verbrecherlaufbahn mit 
sich bringt, sondern wirklich ursprüngliche, an- 
geborene Bildungsanomalien des Gehirns, Abweichungen 
in der Form seiner Oberfläche, in der Anordnung seiner 
Windungen, in den Proportionen seiner Theile. Was 
haben diese zu bedeuten? Sie kommen, obwohl sie im 
Einzelnen vielfach variiren und somit keineswegs einen 
besonderen Typus darstellen, doch meist darin überein, 
dass diejenigen Himtheile schlecht entwickelt sind, 
welche ich als Associationsorgane, als geistige 
Gentren, als Denkorgane bezeichnet habe. Daher 
vielfach die fliehende Stirn des Gewohnheitsverbrechers, 
welche durch eine ungeheure Entwickelung der luft- 
haltigen Stirnhöhlen oft scheinbar compensirt, in der 
Eegel aber noch auffälliger wird. 

Zweifellos erklären uns diese Hirnbefunde eine 
Anzahl psychischer Eigenschaften mancher Gewohnheits- 
verbrecher, und zwar in erster Linie das häufige Vor- 
kommen intellectueller Inferiorität, geistiger 
Minderwerthigkeit Ich rechne hierher insbesondere 
den völlig mangelnden Hunger nach Wissen, nach 
geistigem Besitz, den Mangel ernster objectiver Inter- 
essen, die Unfähigkeit, sich von der Zukunft ein um- 
fassenderes Bild zu machen und so consequent nach 
einem vernünftigen Ziele zu streben. Vielleicht beruht 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 31 

auf der geringen Entwickelung der geistigen Centren 
auch die (bei wirklichen Idioten noch viel stärker aus- 
geprägte) Lust und Freude an vielfach kaleidoskopisch 
wechselnden äusseren Eindrücken: die eigentliche Wurzel 
des Vagabundencharakters, und die damit häufig ver- 
bundene Erschöpf barkeit des Gehirns, welche schon 
nach kurzer Concentration der Aufmerksamkeit lebhaftes 
körperliches Unbehagen erzeugt und solche Individuen 
arbeitsscheu macht, ja zum Verbrechen zwingt, wenn 
ihnen die Allgemeinheit nicht freiwillig Subsistenzmittel 
zur Verfügung stellt 

Schon diese letzteren Charakterzüge lassen sich 
indess nicht ohne einen gewissen Vorbehalt ledig- 
lich aus der Kleinheit der geistigen Centren ableiten; 
und dies gilt noch in weit höherem Maasse von dem 
Gesammtcharakter des Gewohnheitsverbrechers. 

Zahlreiche, einfach beschränkte Individuen mit 
schlecht entwickelten geistigen Centren des Gehirns 
lassen keinerlei verbrecherische Tendenzen erkennen — 
Gesetzesübertretungen kommen ja in Folge mangelnder 
Uriheilsfähigkeit allenthalben vor — aber das gewohn- 
heitsmässige aggressive Vorgehen gegen die Gesell- 
schaft, das rücksichtslose Sichhingeben an verbrecherische 
Impulse, die absolute Herrschaft rohester sinnlicher 
Triebe kommen der einfachen Geistesarmuth in Folge 
von Gehimkleinheit nicht irgend wie regelmässig zu! 



32 1^16 Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 

Hier ist thatsächlich die Form des Gehirns, 
die Form, Grösse und Verbindung seiner Theile 
nicht durchaus in erster Linie maassgebend! 
ffier tritt auch ein Factor in Wirksamkeit, welchen wir 
nach Allem, was wir wissen, als einen chemischen, 
nicht als einen anatomischen zu betrachten haben. 

Die Gemüthsstumpfheit, der Mangel an Mitgefühl, 
Mitleid, wie die Lust am Scheusslichen, die eigentliche 
Gemüthsentartung entwickelt sich häufig unter unseren 
Augen, und wir können so die maassgebenden Be- 
dingungen genau überblicken. ♦ 

Dass hier vielfach eine besondere Keimanlage 
mitwirkt, welche von innen heraus die Entwickelung 
bis zur vollendeten Pubertät entscheidend beeinflusst, 
ist nicht zu bezweifeln. Jene unglücklichen Wesen, die 
in Folge der Laster ihrer Eltern schon im ersten 
Werden vergiftet werden, sind offenbar vielfach durch 
die den Keimen zugesetzten Gifte, z. B. Alkoholmolectile, 
unmittelbar zur Charakterentartung prädestinirt. Wenn 
solchen Organismen nicht die Kraft innewohnt, sich in 
allen Einzelheiten bis zur vollen Entwickelungshöhe 
auszubilden, so bleibt gelegentUch auch das Gehirn auf 
einer niederen Entwickelimgsstnfe stehen; es gesellt 
sich aber hier zur Hirnkleinheit noch die ererbte 
Reizbarkeit des Alkoholisten. Hier wirkt also ein im- 
manenter Factor nicht nur hemmend auf die Bildung, 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 33 

sondern auch alterirend auf die Fühlweise des Gehirns; 
und derartige Combinationen ergeben häufig tief 
verbrecherisch veranlagte Naturen. 

Es können aber auch Schädlichkeiten, welche das 
bereits zur Welt gekommene Wesen treffen, den 
Grund zu einer Charakterdepravation legen. Hier stossen 
wir nun auf das was man gewöhnlich Milieu nennt, 
und zwar das Milieu im weitesten Sinne — nicht nur 
die geistig-sittliche Beeinflussung durch die Umgebung, 
das ethische Milieu, sondern vor allem die physischen, 
die körperlichen Schicksale und Erlebnisse. Je jünger 
das Kind, um so verderblicher wirken alle gesundheits- 
widrigen Einflüsse auch auf den Charakter — noch bis 
zur Pubertät können physische Schädlichkeiten aus einen 
ursprünglich gutartigen Charakter eine völlig perverse 
Persönlichkeit mit Verkehrung aller Triebe und Gefühle 
machen. Erst mit Abschluss der Triebentwickelung 
hört dies auf. Ist dann der Charakter in der Haupt- 
sache fertig, so kann er nur noch quantitativ verändert 
werden, sofern nicht ausgeprägte Gehirn- und Geistes- 
störungen ins Spiel kommen, welche schliesslich alles 
vernichten können. Die Gewohnheitsverbrecher mit 
niederem Hirntypus sind nun auf einer niederen Ent- 
wickelungsstufe stehengebliebene Individuen ; sie befinden 
sich in Anbetracht der Himform in einem Zustande 

dauernder Kindheit — und vielleicht wirken schon des- 

3 



34 I^ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 

halb krankmachende Factoren bei ihnen besonders leicht 
depravirend auf den Charakter — wie bei wirklichen 
Kindern. 

Betrachtet man die zu Charakterentartung fuhren- 
den körperlichen Einflüsse etwas näher, so sind 
dieselben äusserst zahlreich. Neben schlechter Ernährung, 
erschöpfenden Excessen, Infectionskrankheiten, schmerz- 
haften Leiden, welche im allgemeinen den Körper schä- 
digen, neben umschriebenen schweren Himkrankheiten^ 
tritt eine Gruppe von Vergiftungen und Nervenkrank- 
heiten in den Vordergrund, welche alle in einem 
Punkte übereinkommen, darin, dass sie vorüber- 
gehend oder dauernd die Schmerzgefühle aufheben. 

Das Schmerzgefühl ist ein wichtiger, ein fun- 
damentaler moralischer Factor. Ohne eigene 
Schmerzgefühle vermögen wir weder Mitleid zu empfin- 
den, noch aus der Erfahrung zu lernen; der Schmerz, 
an sich die gröbste Form aller ünlustgefiihle, ist die 
Basis zahlreicher feinster und edelster Gefühlsnüancen 
— und diese gehen sämmtlich verloren durch die Ein- 
flüsse, welche die Schmerzempfindung im allgemeinen 
aufheben. Alle die Narcotica, welche wir anwenden, 
um Schmerzen zu lindem, schädigen so gewohnheits- 
mässig genommen die moralischen Gefühle; ich möchte 
hier nur auf das Morphium hinweisen, das schmerz- 
lindernde Mittel xax ^o/ijv] gewohnheitsmässiger Mor- 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 35 

phiummissbrauch schädigt auf das tiefste das sittliche 
Empfinden — und dasselbe gilt vom Alkohol, wenn 
er in concentrirter Form genossen wird. — Es 
giebt aber auch eine Anzahl von Nervenkrank- 
heiten, welche anfalls weise oder dauernd mit Schmerz- 
losigkeit, Analgesie, einhergehen, die Hysterie, der 
Hypnotismus, die Epilepsie — und auf ihrem Boden 
erwachsen schwere allgemeine Charakterveränderungen 
zum Theil mit Perversion der sittlichen Gefühle. Aus 
gutartigen, socialgestimmten Wesen entwickeln sich unter 
ihrem Einfluss Charaktere, welche den Schrecken ihrer 
Umgebung bilden — mögen nun jene Nervenkrankheiten 
erwachsen auf dem Boden einer Vergiftung, einer Hirn- 
erschütterung oder von Gemüthsbewegungen oder sonst 
welcher Einflüsse. 

Der Schlüssel zu dieser fundamentalen Thatsache 
wird ausschliesslich geliefert durch die Himanatomie. 
Sie zeigt uns, dass es gewissermaassen ein Charakter- 
centrum, ein Hauptorgan des Charakters im 
Gehirn giebt. Dasselbe deckt sich mit dem Theil, 
welchen wir Körper fühlsphäre der Hirnrinde 
nennen; hier kommt der Körper sich selbst zum Be- 
wusstsein mit allen seinen Trieben, seinen Bedürfnissen, 
seinem Kraftvorrath, seinen Schmerzen etc. 

Von der Erregbarkeit dieses Hirntheils hängt es 

in erster Linie ab, ob die Triebe roh oder zart ins 

8* 



36 l^ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 

Bewasstsein treten. Anf dieses Centram hat fast 
ein jeder Körpertheil Einfluss; in ihm summiren 
sich die von allen Körperorganen ausgehenden Nerven- 
reize zur Stimmung; von ihm gehen die Impulse aus, wenn 
wir die Faust ballen, wenn wir theilnehmend die Hand 
drücken — die Impulse zu jeder zärtlichen Umarmung. 

Der Charakter ist eine Resultirende des Gesammt- 
körpers; der Intellect ist in der Hauptsache nur von 
einzelnen Hirntheilen abhängig, und zwar von an- 
deren Theilen als der Charakter. Deshalb sind Intellect 
und Charakter bis zu einem gewissen Grade unabhängig < 
von einander; deshalb wirken Krankheiten nicht gleich- 
massig schädigend auf das Licht des Verstandes und 
die Fülle des Herzens. Deshalb ist die Fähigkeit, rein 
begrifflich ethische Grundsätze fiir das Handeln im 
Gedächtnisse aufzubewahren, nicht identisch mit der 
Aufaahme derselben in Fleisch und Blut Dieses Fleisch 
und Blut muss besonders geartet sein, um sich ethische 
Grundsätze wirklich anzueignen; ist es entartet, so bietet 
es erziehlichen Einflüssen keinerlei Handhabe. 

Die Charaktercentra des Gehirns sind es nun, 
welche durch viele narcotische Substanzen in erster 
Linie beeinflusst werden — daher die schmerzstillende 
Wirkung des Morphium auch ohne Aufhebung des allge- 
meinen Bewusstseins, daher die „sorgenbrechende" Wir- 
kung des Alkohols! 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 37 

Diese Himtheile sind es aber auch, in welchen die 
wichtigsten Nervenkrankheiten, die Epilepsie, die Hysterie 
ihren Hauptsitz, ihrenHaupt- Ausgangspunkt haben. — 
Deshalb ändert sich der Charakter häufig in so 
schlimmer Form, wenn das wachsende Individuum von 
diesen Nervenkrankheiten betroffen wird ; deshalb können 
wir uns nicht wundem, wenn Alkoholisten und Nerven- 
kranke zu den Verbrechern ein so grosses Contingent 
stellen. Und dasselbe gilt, wie ich besonders hervor- 
heben möchte, auch von häufig sich wiederholenden 
hypnotischen Zuständen — zweifellos wenn sie spon- 
tan entstehen! Viele Grewohnheitsverbrecher, insbesondere 
Schwindler und Hochstapler, sind Hypnotiker; viele der 
gefährlichsten Insassen der Irrenanstalten gehören 
zu denselben. Wahrscheinlich wirkt aber auch die 
künstlich, z. B. zu Heilzwecken erzeugte Hypnose 
ähnlich! Denn man beobachtet gar nicht selten bei 
Personen, welche vor der Anwendung der Hypnose 
Zeichen einer Charakterentartung nicht darboten, solche 
in ausgeprägter Form nach häufiger Wiederholung dieser 
Procedur. Es verdient diese primäre, von speciellen 
Suggestionen durchaus unabhängige Charakterschädigung, 
welche, wie mir scheint, den eigentlichen Schlüssel für 
gewisse aufsehenerregende Vorkommnisse der Jüngst- 
vergangenheit darstellt, meines Erachtens die vollste 
Aufmerksamkeit der Staatsbehörden. 



38 I^i^ Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 



MMMMMIAMMMMMMWWIMIMIMWMMMAMMMMMWWWWWWWMMA^^ 



Die Charakter-Entartung braucht also 
keineswegs angeboren zu sein; die Hirnform ist 
nicht das in erster Linie entscheidende, und so finden 
wir denn die Stumpfheit der sittlichen Gefühle auch 
bei Individuen, welche durch eine hohe^ ja eine emi- 
nente intellectuelle Begabung sich auszeichnen, 
deren Gehirn auf das reichste entfaltet ist. Und 
hierin hegt ein weiterer Grund, um das Suchen nach 
einem bestimmten körperlichen Typus des Gewohn- 
heitsverbrechers von vornherein für ein völlig ver- 
fehltes Beginnen zu erklären. 

Es giebt Verbrecher-Naturen von hoher intel- 
lectueller Begabung; jene erstgenannten mit niederem 
Himtypus sind nur der eine Endpunkt der Reihe, die 
in Rede stehenden stellen den anderen Pol dar. Hier 
verbinden sich die verbrecherischen Instincte mit ge- 
waltigen Yerstandeskräften; und es kommt so zu un- 
geheuerlichen Unternehmungen, welche auf den ersten 
Blick mit den Tendenzen des gewöhnlichen gedanken- 
armen Verbrecherthums, Aehnlichkeit überhaupt nicht 
erkennen lassen. Man bezeichnet häufig — mit Recht? — 
Napoleon I. als Repräsentanten dieser mit ungeheuerem 
Intellecte gepaarten dämonischen Naturen. Es ist 
sehr wahrscheinlich, dass derselbe epileptisch war, wie 
alle grossen Cäsaren; keineswegs aber ist erwiesen, dass 
er nur vermöge seines epileptischen Charakters nicht 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 39 

I 

davor zurückscheute, MiUioneh dem Verderben preiszu- 
geben — denn bei seinen Landsleuten, den Corsen, 
galt, wie Taine hervorhebt, das Menschenleben über- 
haupt nicht viel, so dass i^^apoleon sehr wohl die 
Gefühlskälte von den corsischen Vorfahren unmittelbar 
ererbt haben könnte. 

Wo die Epilepsie, wie bei Napoleon, in ihren 
gewöhnlichen Erscheinungen nur selten hervortritt, 
scheint die Krankheit gelegentlich die geistige Spann- 
kraft ins Unendliche zu erhöhen; die krankhafte Rei- 
zung des Gehirns entladet sich hier nicht in einzelnen 
blitzartigen Schlägen — sondern es kommt zu einer 
dauernden Schwüle im Seelenorgan, welche tropischer 
Hitze gleich treibend auf die Gedanken- Vegetation wirkt 
und zeitweise zu einer wahrhaft übernatürlichen Gluth der 
Triebe und Gefühle sich steigert — Zustände, für welche 
Mohammed eines der bekanntesten Beispiele darstellt. 

Diese Thatsache hat nun zu einem weiteren 1it- 
thum verführt, welcher wiederum durch Lombhoso den 
extremsten Ausdruck gefunden und die Kritik auf das 
Schroffste herausgefordert hat. Lombboso glaubt die 
Natur des genialen Menschen, das Wesen des Genies 
überhaupt definiren zu können als einen Degene- 
rationszustand aus der Gruppe der epileptischen 
Störungen in Form des moralischen Irreseins. 
Ich schätze mich glücklich, durch meine Untersuchungen 



40 I)ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 



MMAAAMMMAAAMMMMMAAMMMMMMMMAMWkMMMMMMMWAMMMMWMWMAMMIAMWMWMMWMW^ 



ZU dem Nachweis gelangt zu sein, dass auch diese 
ungeheuerliche Lehre Lombroso's sich auf einen 
fundamentalen Irrthum gröbster Art gründet — und 
bitte demgemäss mir zum Schluss noch einige Er- 
örterungen gestatten zu wollen darüber, inwiefern 
auch der geniale Mensch als ein Bewohner des 
Grenzgebietes geistiger Gesundheit und Krankheit 
zu betrachten ist. 

Es ist keineswegs eine Gepflogenheit der Neuzeit 
zwischen Genie und Wahnsinn etwas Verwandtes zu 
finden. Im Gegentheil, wie eine Sage aus der Ur- 
heimath der Völker zieht sich durch die Litteratur aller 
Cultur-Nationen diese üeberzeugung hindurch. Schon 
Plato nennt es einen alten Spruch, dass ohne einen 
gewissen Wahnsinn kein echter Dichter sein könne, und 
nach dem Bericht von Seneca hat auch Aeistoteles den 
Ausspruch gethan, dass niemals ein grosses Ingenium 
ohne eine Beimischung von Narrheit gewesen sei — und 
von HoBAz bis Shakespeaee, Voltaire, Schopenhauer 
huldigen zahlreiche grosse Geister derselben Meinung. 

Spürt man den Gründen nach, welche hierzu ge- 
führt haben, so stösst man gewöhnlich auf die Angabe, 
dass Genies häufiger dem Wahnsinn verfallen als die 
gewöhnlichen Geister. Indess sind die grössten Ge- 
nies niemals geisteskrank gewesen. Wenn ein Geist 
wie Shakespeare, der genug Fläche besitzt, um von der 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 41 



AAMAAMMMMAMAAAMMMAMAAAMMMMAMAAAAMMMMAMAMMMMMAA 



ganzen Menschheit Jammer angepackt zu werden^ 
gelegentlich etwas schwermüthig wird, so ist das lange 
nicht identisch mit Geistesstörung. 

Das Genie macht zweifellos nicht immun 
gegen alle möglichen Körperkrankheiten: Ex- 
cesse rächen sich bei ihm, wie beim gemeinen Sterb- 
lichen; aber bei näherer Besichtigung finden wir that- 
sächlich wenig Geniale ersten Ranges, bei welchen 
sich lediglich aus der angeborenen Constitution 
heraus Geistesstörung entwickelt hätte. Es sind mehr 
Geister zweiten Ranges, diejenigen, welche hauptsäch- 
lich im Ungezügelten und Grenzenlosen das geniale 
Wesen bethätigen zu müssen glauben; es sind die ein- 
seitig veranlagten Naturen, welche in grösserer Gefahr 
schweben. — Auch die mancherlei Sonderbarkeiten, 
welche Genies zeigen, sind nicht beweisend — die in- 
tensive Versenkung in geistiges Schauen bringt natur- 
gemäss ein Sichvergessen mit sich, das Suchen nach 
ewigen Wahrheiten lässt die gemeine reale Welt zeit- 
weise völlig in den Hintergrund treten — und dies gilt 
auch vom Zustand des Dichters, wenn er in exsta- 
tischer Begeisterung dem Weben seines Geistes lauscht. 

Um aber zu einem wirklich entscheidenden Urtheil 
zu gelangen, haben wir uns in erster Linie die Frage 
vorzulegen, worauf beruht das Genie; und diese 
Frage gliedert sich für den Hirn forscher sofort in die 



42 Di6 Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 

Alternative: beruht es auf einem besonderen Bau des 
Gehirns — oder auf einer besonderen Reizbarkeit, 
Anspruchsfähigkeit, also nach unseren jetzigen Begriflfen 
auf chemischen Factoren? 

Mit aller Entschiedenheit können wir die 
erstere Alternative annehmen. Das Genie ist 
stets gepaart mit einem besonderen Bau, einer 
besonderen Organisation des Gehirns. Erst die 
neueste Zeit hat die Beweise hierfür erbracht! Bis 
vor kurzem musste man sich begnügen, das Ge- 
sammtgewicht des Gehirns hervorragender und 
gewöhnhcher Menschen zu vergleichen. Es war da 
nicht möglich, zu durchaus gesetzmässigen Zahlen zu 
gelangen. Wenn auch in der Regel ein grösseres Him- 
gewicht bei den Genialen gefunden wurde, so waren 
doch Ausnahmen zu verzeichnen. Jetzt wissen wir, 
dass die verschiedenen Abschnitte auch des Grosshims 
nicht alle gleichwerthig sind; wir können die geistig 
wichtigeren von den minder wichtigen scharf abgrenzen 
und so auch die Frage beantworten, ob die Genialen 
eine besondere Entwickelungshöhe der geistigen Or- 
gane zeigen; — und diese Frage ist mit aller 
Entschiedenheit zu bejahen! 

In früheren Zeiten war die Meinung weit ver- 
breitet, dass das Stirnhirn ganz besonders maass- 
gebend für die geistige Bedeutung sei, dass hier der 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 43 



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Sitz aller höheren Geistesthätigkeit zu suchen sei, wie 
auch Gall den philosophischen Scharfsinn, das In- 
ductionsvermögen etc. hier localisirte. Nach meinen Unter- 
suchungen ist in der That im Stimhirn ein geistiges 
Centrum gelegen; indess giebt es daneben noqh mehrere 
andere Denkorgane, darunter ein besonders umfäng- 
liches, unter dem Scheitelhöcker befindliches. Wir 
finden nun, dass dieses geistige Centrum der 
hinteren Scheitelgegend sich bei allen wahrhaft 
genialen Männern, deren Hirn bis jetzt untersucht 
worden ist, durch eine besonders starke Ausbildung 
auszeichnet. Bei manchen Künstlern, wie Beethoven 
und vermuthlich auch Bach, fällt ausschliesslich die 
enorme Entwickelung dieser Hirngegend auf, bei 
grossen Gelehrten, wie dem Mathematiker Gauss u. A., 
sind die hinteren und die vorn im Stimhirn gelegenen 
Centren stark entwickelt. Das wissenschaftliche 
Genie zeigt also andere Verhältnisse des Hirn- 
baues wie das künstlerische.^ Da die Unter- 
suchungen über diese Frage aber noch zu jungen 
Datums sind, als dass Allgemeingültiges schon jetzt ge- 
geben werden könnte, muss ich mich bescheiden, die 
fundamentalen Gesichtspunkte hier nur anzudeuten. 



* Eichard Wagner nimmt durch die starke Entwickelung 
des Stimhims Bach und Beethoven gegenüber sichtlich eine 
Sonderstellung ein. 



44 I^ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 



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Durch die starke Entwickelung einzelner Himtheile 
werden nun die Proportionen des Gehirns bei Ge- 
nialen andere als bei gewöhnlichen Menschen; es tritt 
eine Art Disproportionalität ein — besonders bei 
grossen Ktinstlem, weniger bei den grossen wissenschaft- 
lichen Forschem. Insofern präter propter der Einfluss 
eines Hirntheils auf das Ganze seinem Volumen parallel 
gehen dürfte, können wir somit kaum bezweifeln, dass 
im Gehirn manches (!) genialen Künstlers die hinteren 
geistigen Organe alle übrigen beherrschen. Nun sind 
zweifellos gerade an sie die wesentlichsten Factoren 
der Phantasie gebunden, die Composition äusserer 
Eindrücke des Gesichts, Gehörs und Tastsinns, des 
Rohmaterials aller Künste zu neuen geistigen Gebilden, 
— und so wird es verständlich, wie die Phantasie das 
eigentlich Formbestimmende für den genialen künst- 
lerischen Geist wird, wie die Phantasie alles andere 
überwuchert und frei und ungebunden schaltet. 

Das geniale Gehirn ist somit nicht in erster Linie 
oder gar ausschhesslich durch den Grad seiner Erreg- 
barkeit von dem des gesunden mittleren Menschen ver- 
schieden, nicht die Reizbarkeit ist das allein Entscheidende. 
Das Gehirn der Genialen ist reicher gegliedert, 
besitzt eine feinere Organisation, stellt einen vollkom- 
meneren Mechanismus dar, der schon an Zahl der 
geistig wichtigen Elementartheile dem gemeinen Gehirn 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 45 



unendlich überlegen ist. Es arbeitet vermöge seines 
Reichthiims an einzelnen geistigen Kraftcentren leb- 
hafter, auch ohne krankhaft überreizt zu sein. 

Thatsächlich besteht aber auch keinerlei Wesens- 
gleichheit zwischen den genialen und den patholo- 
gischen Geistesprodukten. Beim genialen Menschen 
macht sich das gesteigerte Himleben als bildendes, 
schöpferisches Princip geltend, kommt es zur Ent- 
stehung in sich einheitlicher wohlgeordneter logisch zu- 
sammenhängender geistiger Gebilde — beim geistes- 
kranken Maniacus herrscht die Lockerung, die Dis- 
sociation vor. Hier wirbelt eine krankhaft erregte 
Stimmung grosse Mengen ungeordneter Vorstellungen 
empor, die auch nachträglich im Bewusstsein nicht 
geordnet werden, während der geniale Künstler — 
wie SoHiLLEE sagt, das ünbewusste mit dem Be- 
sonnenen verbindend — von vornherein geordnet denkt 
und schaut Wenn es auch gelegentlich beim Wahn- 
sinn zum Schauen wirklich neuer origineller, auch im 
Gefühlston einheitlicher Phantasiegebilde kommt, welche 
eines gewissen künstlerischen Anstriches nicht ent- 
behren, so reicht doch diese Originalität nicht hin, 
um solchen Geistesprodukten den Rang von Kunst- 
werken zu verleihen — denn sie entbehren der ty- 
pischen Bedeutung, es ist nichts in ihnen, was geeignet 
wäre der Kunst Gesetz und Regel zu geben — und 



46 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 



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die Beobachtung geisteskrank gewordener Künstler zeigt 
demgemäss^ dass mit dem Auftreten des Wahnsinnes die 
Schaffenskraft nicht zu^ sondern rapid abnimmt 

Ist so auch die Aehnlichkeit zwischen den geistigen 
Gebilden des Wahnsinns und der genialen Production 
eine ganz oberflächliche, so liegt keinerlei Grund vor, 
die Kräfte, die im Genie zur Entfaltung gelangen, dem 
Wesen nach zu identificiren mit jenen, welche im krankr 
haft zerrütteten Geist herrschen und z. B. die übernatür- 
liche Gluth im Gehirn mancher Epileptiker entfachen. 

Ebensowenig besteht aber zwischen dem Geistes- 
zustand des Verbrechers und dem des Genies eine all- 
gemeine Wesensverwandtschaft. Durchaus unerwiesen 
ist zunächst die Behauptung Lombboso's, dass die emi- 
nente Entwickelung des Intellektes in gesetzmässiger 
Weise die sittlichen Gefühle in den Hintergrund dränge 
ja sie gänzlich vernichte. Die sittlichen Defecte grosser 
Männer finden sich in gleicher Weise bei Millionen von 
Mittelmässigen, eine Thatsache, welche wiederum nur 
beweist, dass der Intellekt wenigstens theilweise von 
anderen Factoren abhängig ist als die sittlichen Gefühle. 

Die Anatomie aber lehrt unwiderleglich, dass die 
Himorganisation der genialen Menschen und die der 
Verbrecher meist — keineswegs immer, Gegensätze 
darstellen, zwischen welchen die denkbar breiteste und 
tiefste Kluft gähnt Der od ovo entartete Gewohnheits- 



Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 47 

Verbrecher nähert sich in seinem Hirnbau vielfach dem 
Thier, erzeigt wieder pithekoide, d.h. afFenähnliche 
Züge im Hirnbau — der Himbau der Genialen ent- 
fernt sich nach der entgegengesetzten Richtung 
hin von der mittleren Norm. 

Indem der Mensch sich aus der Thierwelt empor- 
gehoben hat durch die fortschreitende Vergrösserung 
seiner geistigen Centren, ist die noch über das Mittel 
hinausragende Grösse der Denkorgane bei Genialen ein 
Beweis dafür, dass hier die Natur den Anlauf nimmt 
zur Weiterbildung des Menschengeschlechtes 
über seine dermalige Entwickelungshöhe hinaus. Das 
Genie ist nicht Entartung nach abwärts, sondern, wie 
insbesondere die Anatomie klar und deutlich zeigt, 
Fortschritt zu einem höheren Typus, ganz in der 
Richtung der aufwärts strebenden Entwickelung in der 
Reihe der Geschöpfe — und daher wohl unsere ahnungs- 
volle Ehrfurcht vor den wirklichen Heroen des Geistes. 

Hier kommt die exacte Wissenschaft zu einem 
Resultat, welches sich deckt mit den Forderungen des 
gesunden gemeinen Menschenverstandes — der es 
niemals zugestehen wird, dass die grossen führenden 
Geister der Menschheit, insbesondere auf den Gebieten 
der Wissenschaft und Kunst, irgend eine Wesensver- 
wandtschaft mit dem Abschaum des Menschengeschlechtes, 
dem Gewohnheitsverbrecher haben. 



48 Die Grenzen geistiger Qesundheit und Krankheit. 



Wir dürfen uns aber deshalb auch nicht wundem, 
wenn der wirklich gesunde Menschenverstand in den 
Ideen eines Lombeoso nichts weiter erblickt, als 
einen kläglich gescheiterten Versuch das Glänzende zu 
schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen 
— und dass der gemeine Verstand kraft dieser Er- 
kenntniss Bedenken trägt, den Aussprüchen der- 
artiger psychiatrischer Autoritäten eine höhere Be- 
deutung beizumessen! 

Nur sollte man nicht soweit gehen, die Psychiatrie 
als solche für die Ausschreitungen einzeliier ihrer 
Vertreter verantwortlich zu machen. Jede Wissen- 
schaft hat Entwickelungskrankheiten . zu überwinden, 
und die Psychiatrie befindet sich mitten im Eingen 
aus dem Zustand der jugendlichen Unreife heraus- 
zukommen, welcher ihr zum guten Theil in Folge 
rein äusserer Einflüsse noch anhaftet 

Noch nicht lange ist sie heimisch an den Uni- 
versitäten, welche in Deutschland auf wissenschaft- 
lichem Gebiet noch immer die Hauptstätten des 
Wettkampfes der Geister darstellen; sie ist die jüngste 
unter den klinischen Disziplinen und findet erst seit 
Kurzem einige Beachtung an maassgebenden Stellen. 
Ist es unter solchen Umständen gerecht zu fordern, 
dass die Psychiatrie nur Vollkommenes leiste? 









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Tlx*iflopi>aitcö "SScrKc. 



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Rudolf Euoken. 



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A. W. van Hofmanu. 

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Wilhelm Ortwnld. 



Dr. Otto Sölmmnn. 



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Dr. Otto BnltfT; 




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